Finanzielle Gewalt ist auch Gewalt
Über die unsichtbarste Form von Partnergewalt und den Weg in die Freiheit
Sie haben einen Beruf und verdienen Ihr eigenes Geld. In Ihrem Arbeitsumfeld treffen Sie Entscheidungen. Sie kennen Ihre Rechte.
Aber zu Hause? Dort erwartet Ihr Partner, dass Sie fragen, bevor Sie Geld ausgeben, und erklären, wofür Sie es ausgegeben haben.
Das ist das Paradox, das ich in über 25 Jahren als Rechtsanwältin und Mediatorin immer wieder erlebe: Gerade Frauen, die im Beruf selbstverständlich Verantwortung tragen, wird zu Hause die finanzielle Freiheit abgesprochen. Und das heißt dann nicht Gewalt, sondern „Fürsorge“ oder „Liebe“.
Was ist finanzielle Gewalt?
Finanzielle Gewalt ist jedes Verhalten, das den finanziellen Spielraum eines Menschen kontrolliert oder einschränkt. Sie sieht unscheinbar aus. Gerade deshalb ist sie so gefährlich.
So kann sie aussehen: Ihr Partner verdient mehr und entscheidet deshalb, ob Sie arbeiten gehen oder nicht. Oder er besteht darauf, dass Sie arbeiten, um den gemeinsamen Lebensunterhalt und den der Kinder zu finanzieren, während er über sein eigenes Einkommen allein verfügt. Ihr Gehalt geht auf ein gemeinsames Konto, auf das Sie keinen vollständigen Zugriff haben. Sie müssen jede Ausgabe rechtfertigen. Sie können kein Geld abheben, ohne dass er es erfährt. Eine eigene Versicherung oder eigene Ersparnisse sind nicht vorgesehen.
Es kann auch leiser sein. Es kann sich anfühlen wie Schutz: „Lass mich das verwalten, ich kümmere mich um alles.“ Wie Verantwortung: „Ich verdiene genug, du musst dich nicht stressen.“ Oder wie Liebe: „Wozu brauchst du ein eigenes Konto? Wir sind doch eine Familie.“
Was es tatsächlich ist, ist Kontrolle. Und Kontrolle ist die Grundform jeder Partnergewalt.
Was die Zahlen nicht zeigen
Nach einer Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte aus dem Jahr 2014 hat in Deutschland jede neunte befragte Frau ökonomische Gewalt in einer Partnerschaft erlebt. Belastbarere und neuere Zahlen für Deutschland gibt es bis heute nicht.
Jede neunte Frau, das klingt nach wenig, bis man begreift, dass es um Millionen Frauen geht. Und die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.
Denn finanzielle Gewalt ist die unsichtbarste Form von Gewalt. Sie hinterlässt keine blauen Flecken. Sie ist schwer zu beweisen. Sie versteckt sich hinter Ehe, Liebe und gemeinsamen Konten. Und viele Frauen erkennen sie selbst nicht als Gewalt. Was nicht benannt wird, wird nicht erfasst. Und was nicht erfasst wird, dagegen wird nicht gehandelt.
Das Völkerrecht ist hier bereits weiter als das öffentliche Bewusstsein: Die Istanbul-Konvention des Europarats, die in Deutschland seit 2018 gilt, zählt wirtschaftliche Gewalt ausdrücklich zu den Formen häuslicher Gewalt.
Geld ist das Schloss an der Tür
In meiner Arbeit habe ich gelernt, dass Gewalt in Beziehungen fast immer mit Kontrolle beginnt. Und Kontrolle beginnt sehr oft beim Geld.
Wer nicht selbst über ihr Geld entscheiden kann, ist abhängig. Wer abhängig ist, kann nicht gehen. Und wer nicht gehen kann, ist einem Partner ausgeliefert, der die Kontrolle weiter verschärft. Das Geld ist nicht die Waffe. Es ist das Schloss, das die Tür versperrt.
Die Forschung zeigt, dass finanzielle Kontrolle häufig mit anderen Formen von Partnergewalt einhergeht. Sie ist nicht die harmlose Variante. Oft ist sie der Anfang.
Der Weg aus der Abhängigkeit
Nach vielen Jahren im Beruf, nach unzähligen Mediationen und Gesprächen mit Mandantinnen kann ich sagen: Finanzielle Unabhängigkeit ist kein abstraktes Ideal. Sie ist der erste Schritt in die Freiheit. Und es gibt konkrete Wege dorthin.
Der erste Schritt ist das Erkennen. Sie müssen verstehen, was mit Ihnen geschieht. Das ist oft das Schwierigste, weil Sie es vielleicht nie Gewalt genannt haben. Weil es normal geworden ist. Weil Sie dachten, so funktionieren Partnerschaften eben. Es tut nicht weh. Aber genau das sollte Ihnen ein Signal sein.
Der zweite Schritt ist das Grenzensetzen. Sie brauchen ein eigenes Konto. Das ist nicht lieblos und nicht misstrauisch. Es ist eine finanzielle Grenze, die jede erwachsene Frau ziehen darf. Sie brauchen Zugriff auf Ihr eigenes Geld, ohne sich erklären zu müssen. Sie brauchen die Möglichkeit, zu sparen und eigenes Vermögen aufzubauen.
Der dritte Schritt ist das Handeln. Wenn Sie diese Grenzen ziehen und Ihr Partner sie nicht respektiert, nehmen Sie das ernst. Dann ist es nicht mehr nur ein Beziehungsproblem. Dann ist es rechtlich relevant. Sie haben Rechte, und diese Rechte lassen sich durchsetzen.
Welche Rechte Sie haben
Ein eigenes Konto können Sie jederzeit eröffnen. Dafür brauchen Sie weder die Zustimmung noch das Wissen Ihres Ehemannes.
Schon während des Zusammenlebens sind Ehegatten einander verpflichtet, die Familie angemessen zu unterhalten. Verdient einer von beiden nicht oder deutlich weniger, hat er Anspruch auf das Geld, das für den Haushalt nötig ist, und darüber hinaus auf einen Betrag zur freien persönlichen Verfügung. Über Ihr eigenes Einkommen und Ihr eigenes Vermögen entscheiden Sie selbst.
Bei einem gemeinsamen Konto steht das Guthaben im Verhältnis der Ehegatten zueinander im Zweifel beiden je zur Hälfte zu. Wer ein gemeinsames Konto eigenmächtig leer räumt, muss damit rechnen, den Anteil des anderen ausgleichen zu müssen.
Mit der Trennung haben Sie Anspruch auf Trennungsunterhalt und auf Auskunft über Einkommen und Vermögen Ihres Mannes, und zwar mit Belegen. Wie Sie diesen Anspruch nutzen, erläutere ich im Ratgeber-Beitrag zum Auskunftsanspruch. Unterhalt kann in der Regel erst ab dem Zeitpunkt verlangt werden, zu dem er schriftlich eingefordert oder Auskunft verlangt wurde. Deshalb sollten Sie damit nicht warten.
Auch die Kosten eines Verfahrens müssen kein Hindernis sein. Ist Ihr Mann wirtschaftlich deutlich leistungsfähiger als Sie, kann er verpflichtet sein, Ihnen die Kosten für die anwaltliche Vertretung und das Gerichtsverfahren in einer persönlichen Angelegenheit wie der Scheidung vorzuschießen. Ist das nicht möglich, kommt staatliche Verfahrenskostenhilfe in Betracht.
Kommen Drohungen oder körperliche Gewalt hinzu, können Sie nach dem Gewaltschutzgesetz gerichtliche Schutzanordnungen beantragen und unter Umständen verlangen, dass Ihnen die gemeinsame Wohnung zur alleinigen Nutzung überlassen wird.
Warum ich das aufschreibe
Ich bin Rechtsanwältin, Mediatorin und Coach. Vor allem aber habe ich verstanden, dass Selbstbestimmung nicht erst im Beruf beginnt. Sie beginnt zu Hause. Sie beginnt damit, dass Sie über Ihr eigenes Geld verfügen. Dass Sie Ihre eigenen Entscheidungen treffen. Dass Sie die Stimme hören, die Ihnen sagt: Das ist nicht in Ordnung. Und dass Sie auf sie hören.
Finanzielle Unabhängigkeit ist Freiheit. Sie ist nicht egoistisch. Sie ist notwendig.
Wenn Ihnen beim Lesen vieles vertraut vorkommt, dann werden Sie aktiv. Sie sind nicht allein. Und es gibt Wege hinaus.
Hilfe, wenn Sie Gewalt erleben
Wenn Sie in Ihrer Beziehung Kontrolle, Drohungen oder Gewalt erleben, müssen Sie damit nicht allein bleiben. Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 116 016 sowie online unter hilfetelefon.de, auch in vielen Sprachen. In akuter Gefahr wählen Sie den Notruf 110.
Sie möchten wissen, was das für Ihre Situation bedeutet? Im Erstgespräch klären wir Ihre Ansprüche, die Fristen und die Kosten.
Dieser Beitrag gibt einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine rechtliche Beratung im Einzelfall.